Das ewige Stiefkind FB2 oder: 68 ist wieder da!

Zumindest gewinnt diesen Eindruck, wer letzten Mittwoch das Residenzschloss durchquert hat. Denn dort sitzen zahlreiche Studierende im Schlosshof und hören Vorlesungen oder halten Seminare. An die Proteste von vor 40 Jahren denkt hier niemand, dass sie gerade ein Teach-In machen, wissen die wenigsten – aber die Wut ist da, wie vor 40 Jahren. Aufgerufen zu solchen Teach-Ins haben studentische Tutoren und Wissenschaftliche Hilfskräfte. Ein Tutor verteilt Flyer, auf denen Sätze zu lesen sind wie: „Studierende sitzen auf den Fensterbänken, um in der Regelstudienzeit studieren zu können, während links und rechts vom Schloss die Prestigebauten wachsen“, oder „Die TU verspricht Exzellenz in Forschung und Lehre. Studierende des FB 2 bekommen aber eine als Massenabfertigung organisierte Schmalspurausbildung, da Geld für die nötigen Lehrkräfte fehlt“.

Der Fachbereich 2, Gesellschafts- und Geschichtswissenschaften war (mit dem FB 3) schon immer irgendwie Stiefkind an der Technischen Universität. Obwohl es der zweitgrößte Fachbereich der TU ist, hat er intern kaum etwas zu sagen. Das mag daran liegen, dass die Institute im FB 2 kaum etwas miteinander zu tun haben, jedes seine eigenen Studiengänge anbietet und z.B. fachbereichsweite Infrastruktur regelmäßig zum finanziellen Zankapfel wird. Es mag aber auch daran liegen, dass nicht nur unter den Professoren, sondern auch unter den Studierenden wenig Zusammengehörigkeitsgefühl herrscht. Schon vom ersten Semester an hat der typische FB2-ler bei Seminaren und Vorlesungen Wahlmöglichkeiten, das zerreißt die Studierenden. Und das schon innerhalb eines Instituts – der Kontakt z.B. von Soziologen zu Germanisten ist noch viel geringer. Wirklich zu einem Problem wird dies aber dadurch, dass der einzige Raum, in dem sich Studierende länger im Schloss aufhalten können, ein miserabel ausgestattetes Lernzentrum ist. Ein paar verwaiste Tische, ein Schrank, das war es. So können kaum Interessen artikuliert werden, da eine kritische Masse fehlt.

Aber zurück zu den überfüllten Räumen. Jedes mal, wenn die Rede ist von überfüllten Räumen, schlechten Betreuungsquoten oder ähnlichem, wird das schnell mit der Begründung fehlender Zugangsbeschränkungen vom Tisch gewischt. Wer zu viele Studierende hat, muss eben weniger aufnehmen. Dies widerspricht aber nicht nur sozialer Gerechtigkeit, sondern neuerdings auch den Wünschen der Regierung. Denn eigentlich sind sich alle einig, dass die Universitäten in Zukunft größer werden sollen, da es mehr Studierende geben soll. Wie das bewerkstelligt werden soll, ist aber schleierhaft. Allein zwischen 1995 und 2005 wurden nämlich 1500 Professorenstellen abgebaut. Die Betreuungsrelationen betragen schon heute 1:60, in den Geisteswissenschaften zum Teil sogar 1:170 (zum Vergleich die ETH Zürich – 1:36). Eine Aufstockung des Lehrpersonals wäre also ohnehin nur eine Wiederherstellung bereits da gewesener Zustände. Immerhin der Wille ist da. Doch das ist große Politik und braucht Zeit. Die Frage bleibt, was die Situation der aktuell Studierenden verbessert. Denen nützt nämlich eine Reform in drei oder fünf Jahren nichts mehr. Also woher kommt die katastrophale Situation im FB 2? Und wie kann man ihr begegnen?

Ein Problem dürfte sein, dass die vor Jahren festgelegte, viel zitierte Quote 50-35-15 kaum noch der Wirklichkeit in den Studierendenzahlen entspricht. Mit dieser Quote sollte die Gewichtung der TU auf Ingenieurs-, Natur- und Geisteswissenschaften ausgedrückt werden. Ob diese Quote noch der Realität entspricht, oder ob sie tatsächlich so fruchtbar ist, wie alle glauben, das ist unklar. Ein weiteres Problem ist sicherlich die besondere Problematik der Drittmittel. In den letzten Jahren ist es immer selbstverständlicher geworden, selbst einfachste Ausstattung wie Beamer oder Lernzentren durch Sponsoren zu finanzieren. Doch weder von Seiten des Fachbereichs, noch von Seiten der Wirtschaft ist das Interesse zur Zusammenarbeit besonders groß. Dass aber z.B. auch Politikstudenten gerne Beamer benutzen würden, oder sich über einen anständigen Platz für Gruppenarbeit freuen würden, das interessiert scheinbar nicht. Dies muss doch auch aus regulären Mitteln zu machen sein – dazu ist das Land verpflichtet!

Das Präsidium muss sich also die Frage stellen, ob es den FB 2 weiterhin so dermaßen unterfinanziert lässt, dass die Absolventenquoten nicht mal ansatzweise der Zielvereinbarung zwischen Uni und Land entspricht – oder ob es intern wie extern endlich mal auf den Putz haut, und für den FB 2 die Mittel einfordert, bzw. zur Verfügung stellt, die dieser dringend braucht, um den Ansprüchen der TU endlich gerecht werden zu können. Denn der FB 2 will ordentlich ausbilden, will interdisziplinär arbeiten, will hochwertige Forschung leisten. Aber er kann es kaum – die Mittel fehlen.

Viel zu wenig Geld für das deutsche Bildungssystem
(Artikel bei Telepolis)